Taste the Waste – die Filmkritik

In meinen Diskussionen, die ich mit Freunden und Bekannten über nachhaltige Landwirtschaft, regional und saisonal einkaufen oder den Veggietag führe, stoße ich immer wieder auf massive Widerstände, die nicht ganz zu unrecht mit der Angst zu tun haben, die Diskusssion könnte in etwas Belehrendes, Rechthaberisches oder gar Sektenhaftes abgleiten. Man möchte nicht darauf hingewiesen werden, dass man sich bewusst oder unbewusst „politisch unkorrekt“ verhält. Ja, und eigentlich weiß man, wie widerlich die Aufzuchtbedingungen in der Massentierhaltung sind, aber so ein billiges, kross gebratenes Hühnchen ist doch schon was tolles. Hier vielleicht erkennen zu müssen, dass sich beim Thema Essen und Nahrungsmittel- produktion etwas ändern muss, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen heißt für viele, sich mit einem höchst komplexen und unüberschaubaren Thema befassen zu müssen.

Ich glaube, dass diese Vorbehalte damit zu tun haben, dass es sich bei dem Thema um ein lebenserhaltendes Grundbedürfnis des Menschen handelt. Essen, trinken, schlafen, da kommt einfach niemand drum rum. Und ja, schön wäre auch, wenn man das dann auch genießen darf, und sich den Genuß leisten kann.

Aus diesem Grund hatte ich selbst auch meine Bedenken, mir diesen Film anzusehen. Trotzdem hab ich´s getan. Valentin Thurns Dokumentation beschäftigt sich damit, was schief läuft im Lebensmittelbereich, welche Kräfte da wirken, und was für Ansätze es gibt, es anders, vielleicht auch besser zu machen. Was dem Film ganz prima gelingt und ihn so eindrucksvoll und stark macht sind folgende drei Dinge:

Erstens: Kein Moralisieren und keine schlussfolgernden Kommentare des Filmemachers. Die Geschichten sprechen für sich.

Zweitens: persönliche Geschichten von Menschen an den unterschiedlichsten Stellen der Lebensmittelbearbeitung. Ob das ein Bauer ist, der seine zu großen Kartoffeln nicht verkauft bekommt, die Mülltaucher, die einwandfreie Produkte aus den Müllcontainern der Supermärkte holen, weggeworfen drei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums, die Afrikanerin, die auf dem Rungismarkt in Paris Bananen wegwerfen muss, welche sich ihre Nachbarn zuhause nicht leisten können, oder der Bäcker, der sein überschüssiges Brot verbrennt, um seine Backöfen für die nächste Runde zu heizen, weil er so Kosten spart. So werden Fakten und Zahlen, die jeder Interessierte sich auch recht schnell anlesen könnte mit Schicksalen verknüpft, sodass sich die Zusammenhänge eindringlich einprägen.

Der dritte Punkt ist, dass den schlechten Nachrichten auch immer gute gegenüberstehen. So zeigt Thun zum Beispiel auf, wie ein amerikanische Müllforscher Lebensmittelkooperativen ins Leben ruft, die lokal bei Bauern einkaufen. Sehr plastisch sind hier die Interviews, in denen Kunden erzählen, dass sie abgenommen haben, seit sie mehr Gemüse vom Markt essen, oder dass sie für viele Produkte auf Kochbücher aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zurückgreifen mussten. Und weitere Initiativen bekommen hier ihren Platz.

Diese Ausgewogenheit zwischen Aufzeigen von Missständen und möglichen Wegen aus der Misere lässt den Zuschauer diesen Film fast schon beschwingt verlassen – beschwingt, etwas zu ändern, etwas zu tun.

Läuft seit vergangenen Donnerstag flächendeckend in Deutschland. Und hier noch ein paar links: http://www.taste-the-waste.de/tastethewaste/Start.html   http://blog.tastethewaste.com/

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6 Antworten zu Taste the Waste – die Filmkritik

  1. Immanuel Scheerer schreibt:

    In Artikeln, die ich im Netz über den Film gelesen habe, werden im Zusammenhang mit der Lebensmittelverschwendung meistens auch gleich die Hungerprobleme in anderen Teilen der Welt angesprochen (übrigens auch im Trailer des Films). Das verursacht bei mir schon einen moralisierenden Beigeschmack, was ich auf meinem Blog versucht habe darzustellen.

    Welche Rolle spielen denn für dich die Hungersnöte auf der Welt im Zusammenhang mit der Lebensmittelverschwendung?

    • Luise schreibt:

      Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich weiß nicht, ob man einen Film nach seinem Trailer beurteilen kann. Der Film kann auch nichts dafür, welche Zusammenhänge dann andere herstellen, wie zum Beispiel die ARD. Tastächlich fand ich es ein interessantes Rechenbeispiel zu sagen, dass wir hier soviel wegwerfen, dass andere davon satt werden könnten. denn ich finde schon schlimm genug, dass Nahrungsmittel, die noch völlig in Ordnung sind, überhaupt weggeworfen werden.
      Zu deiner Frage: Ja, ich habe angefangen, einen Zusammenhang zu sehen, dazu hat mir der Film einen guten Einstieg gegeben. Aber wie bereits erwähnt, ist das ein sehr komplexes Thema und ich habe heute noch keine schlüssige Antwort in der Analyse oder Lösung. Will ich mehr dazu sagen bin ich aufgefordert, mich noch besser zu informieren. Bis dahin gilt für mich: Global denken, lokal handeln. Das heißt: lokal, regional und saisonal meine Lebensmittel einzukaufen, soweit es eben möglich ist. Und das macht auch noch Spaß.

  2. Immanuel Scheerer schreibt:

    Du hast natürlich vollkommen recht, dass man einen Film nicht nach seinem Trailer beurteilen kann, was auch nicht meine Absicht war. Hätte ich nicht zwei kleine Kinder und es ohnehin schon seit geraumer Zeit nicht mehr ins Kino geschafft, hätte ich mir den Film am Wochenende schon angeschaut, mal sehen wann ich es schaffe und dann auch den Film selbst beurteilen kann.

    Mir ging es unabhängig vom Film (der war nur der Gedankenanstoß) um die allgemeine Frage, inwiefern westlicher Wohlstand massives Leid an anderen Orten der Welt auslöst. Aber in deiner Filmkritik kommt das Wort Hunger überhaupt nicht vor (im Gegensatz zu vielen anderen Filmbesprechungen), woran ich merke, dass dir das Thema Ernährung offensichtlich aus anderen Gründen sehr wichtig ist, was ich gut finde. Wärst du aber hauptsächlich Vegetarierin weil Menschen in Afrika hungern, fände ich das eine sehr, sehr fragwürdige Sache.

    • Luise schreibt:

      Okay, ich glaube, unser Diskurs wird etwas klarer, das würde mich sehr freuen. Ich habe von gestern auf heute nachgedacht und bin zum Schluss gekommen, dass es fast unmöglich ist, ein so komplexes Thema in ein paar Kommentar-Tauschs abzuhandeln. Also mich würde das überfordern. Um ein paar Dinge klarzustellen: Ich bin keine Vegetarierin, und schon gar nicht, weil woanders Menschen hungern, und DAS könnte vielleicht ihr Leid lindern. Ich liebe Fleisch, ich liebe Käse, Milch und Joghurt (was Veganer ja nun auch nicht zu sich nehmen), und ich liebe Gemüse und Früchte. Eins aber müssen sie gemeinsam haben: Lokal oder regional produziert, keine Massentierhaltung, und wenn wir schon dabei sind, keine Turbogemüse auf Lauge statt Erde, und/oder unter Folie gezogen.
      Ich glaube, dieses Kaufverhalten hat drei wichtige Effekte: erstens ist es einfach toll, auf einen Markt zu gehen, das Angebot zu checken, und nach Lust und Laune einzukaufen, also das ist eine rein persönliche, egoistische Rekompensation. Und glaub mir, das kann ganz oft billiger sein, als im Discounter. Ich betone hier das Lustprinzip! Daraus ergibt sich fast logisch (zweitens): Ich unterstütze die regionale Wirtschaft. Aber nicht, weil ich das politisch korrekt finde, sondern, weil ich einkaufen auf dem Markt cool finde. Und drittens glaube ich, dass dieses Einkaufsverhalten indirekt Auswirkungen auf den Weltlebensmittelmarkt hat, eben weil ich die lokale Produktion unterstütze.
      Wie kaufst du denn ein? Wie kochst du für dich? Wie isst du? Und was ist dir bei Lebensmitteln wichtig?

      • Immanuel schreibt:

        Hallo Luise, hatte viel um die Ohren, weshalb ich erst jetzt zum Antworten komme.

        Ich beneide dich um deine leidenschaftliche Beziehung zum Essen und zum Kochen. Ich kenne die Gründe nicht, aber seit ich mich als Kind erinnern kann, war für mich Essen eher ein notwendiges Übel als ein Genuss. Alleine ein Brot zu schmieren erschien mir zu anstrengend: Es kam vor, dass wenn ich mehr selber ein Brot schmieren musste, ich nichts essen wollte, während ich das von meiner Mama geschmierte Brot dann doch gerne gegessen habe. Ich esse heute zwar schon sehr gerne, bin aber nicht besonders wählerisch (was natürlich manchmal auch ein Vorteil sein kann), manchmal vielleicht auch gleichgültig.

        Was würdest du denn jemandem, der für sich eigentlich gerne die Leidenschaft zum Kochen und Essen entdecken würde, empfehlen? Hast du eine Idee, wie ich „auf den Geschmack“ kommen könnte?

        Essen ist ja eine sehr regelmäßige Tätigkeit, und ich stelle es mir toll vor, wenn man so regelmäßig einer Leidenschaft frönen kann ;-).

      • Luise schreibt:

        Hallo Immanuel, meine Antwort ließ auch auf sich warten, weil dein Kommentar seltsamerweise im Spamordner gelandet ist, das dauert immer, bis ich mir den ansehe. Also, da hast du mir vielleicht eine Frage gestellt! Aber – ich will eine Antwort versuchen. Ich sehe, dass du als Kind gerne gegessn hast, wenn andere dir etwas zubereitet haben, und du tust kund, dass du die Leidenschaft zum Essen und Kochen entdecken möchtest. Meine spontane Antwort ist: Das kann man wohl nicht über den Verstand, mit einer Entscheidung nach Abwägen von Pro und Contra lösen. Essen befriedigt ein Grundbedürfnis, und ich finde, Grundbedürfnissen sollte man Aufmerksamkeit schenken und ihren Platz im täglichen Leben geben.
        Essen spricht wie seine Zubereitung alle Sinne an: Du schaust beim Einkaufen die Produkte an, und hoffentlich locken dich die Farben! Deshalb gehe ich auch so gerne auf Märkte, in natürlichem Licht sieht das alles immer schöner aus, wie ich finde. Und du hast das haptische Erlebnis. Wenn man fragt, darf man schon mal zwei, drei Kohlrabi oder was auch immer in die Hand nehmen, bevor man dann einen auswählt. Dann kannst du riechen, wie ein Gemüse, Fisch, Obst oder Gewürz riecht, das vielleicht in deinem Rezeptvorschlag vorkommt, das du aber vielleicht noch nicht kennst. Ja, und spätestens vor dem Kochen kannst du es auch schon mal probieren. Also, wie wäre es mal mit Streifzügen über Wochenmärkte und kleine Einkäufe dort? Gemeinsam mit Freunden kochen? Beim Essen im Restaurant mal nachfragen was der besondere Kniff bei der Zubereitung von „X“ war? Köche reden gerne übers Kochen 🙂 . Irgendeinen verrückten Kochkurs belegen, da kommt man auch mit allen ins Gespräch.
        So, das hilft dir hoffentlich etwas weiter. Ich bin gespannt, wie es da weitergeht.

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