Schulbrot vom Dienstleister

Unter der großen Auswahl an Bäckereien vom echten kleinen Handwerksbetrieb in Familienbesitz bis zur Brotfabrik gibt es hier einen Großproduzenten, der sein Brot und seine Teiglinge in ganz Baden-Württemberg ausliefert.
Sein Marketing ist ansprechend. So ansprechend, dass man schon mal genauer hinsehen muss, bevor man ein Produkt und seine Anpreisung hinterfagt.
Zum Beispiel das „Pausenbrot“, ganzseitig beworben im EDEKA-Heft. Ein Appetit anregendes Bild einer reichlich belegten Vollkorn- oder Körnerstulle mit Wurst, Thunfisch oder Käse, Salat, Tomate, einer Creme, Kräutern. Das fand ich mal was anderes und nahm mir vor, das zu probieren. Das Ergebnis war ordentlich: zwei zwar recht kleine Scheiben Brot, aber ausgewogener und reichlicher belegt als jedes Brötchen, in dem man zwischen zuviel Salatblättern nach dem namensgebenden Belag suchen muss. Ob es eine Schülerin in der Mittagspause satt macht, wage ich zu bezweifeln. Der Preis – sagenhafte 3 Euro!

Nun kann die freie Konsumentin ja eigentlich selbst entscheiden, ob sie für ein belegtes Brot soviel Geld ausgeben möchte. Unverschämt fand ich jedoch den in der Anzeige zum Bild gehörenden Text, der diese freie Entscheidung wohl auszuhebeln beabsichtigt.
Da wird ein Bild heraufbeschworen von Mutter oder Vater, selig vom Strandurlaub träumend, bis einen der Wecker um 6:30 Uhr unsanft in die Realität zurückholt. Und Realität bedeutet hier: Chaos. Der Ernährunsbeauftragte der Familie hat vergessen, die gesunden Tomaten zu kaufen, statt dem guten Vollkornbrot gibt es nur noch Toast, der Belag ist auch nicht das richtige, und dazu noch nörgelige und anspruchsvolle Kinder, die Pausenbrote nur dann geruhen zu essen, wenn die Zutaten stimmen.
Einfache Lösung: Teures „Pausenbrot“ auf dem Weg zur Schule gekauft.

Perfide wird auf die allgemein gestiegene Belastung der arbeitenden Bevölkerung angespielt, die bei all dem anderen Stress nicht immer den perfekten Lebensmitteleinkauf bewältigen kann, und der dann die freundliche Großbäckerei mit einem Superprodukt aus der Klemme hilft. Für das entsprechende Extrageld, versteht sich.
Bravo, kann ich nur sagen. So zieht man sich eine abhängige Klientel heran, die sich aufgrund der erwähnten Belastungen ausgerechnet in einem zentralen Lebensbereich, dem täglichen Essen, keine Mühe mehr machen soll, sondern sich Dienstleistungen wie „Schulbrot schmieren“ gegen erheblichen finanziellen Mehraufwand erkaufen soll. Konsumentenmanipulation pur. Der Gipfel der Überzeugungsarbeit ist dann der letzte Satz, hier vollständig zitiert: „Aber das allerbeste ist: Sie können jeden Tag eine Viertelstunde länger vom Strand träumen.“
Das ist bei Manchem schon zum Lebensstil erhoben, auf Kosten gemeinsamer Mahlzeiten: „Eat Out“ – Designerküche im Haus, Fertigessen gekauft.

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